Queerschlag-Textsammlung

 

 

 

"WAS IST DEIN LABEL?"

brauch ich ein label?

warum brauch ich ein label?

weiss ich, welches mein label ist?

label, warum gibt es dieses wort?

sind label nicht einfach wieder kategorien und schubladen?

muss ich dir gerecht werden indem ich dir eine antwort gebe?

warum ueberfordert mich diese frage so sehr?

wenn ich mich lable, wie lange haftet dieses label dann auf mir?

leben wir in einer welt wo wir labels brauchen?

gibt es menschen, denen es hilft ein label zu finden?

gibt es menschen, denen es hilft ein label zu benutzen?

warum bin ich nicht so ein mensch?

bin ich komisch weil ich dies fuer mich nicht gefunden habe?

bin ich dann noch immer ein mensch?

weiss ich wen und wie ich liebe?

wie finde ich heraus, wen und wie ich liebe?

weiss ich es nicht eigentlich schon?

brauche ich dafuer diese und jene erfahrung?

will ich ein label?

ist es okay wenn ich sage nein?

traum von einer bisschen besseren welt

FIKTIVES GESPRAECH

 

„mama, papa, ich entspreche nicht der heteronormativitaet“

„was meinst du damit?“

„ja also, ihr denkt ja ich bin hetero. und ihr denkt auch dass ihr hetero seid, vielleicht wisst ihrs ja auch zu 100%, habt ihr euch das eigentlich je gefragt ob ihr hetero seid? ihr denkt, meine schwester und eure nachbar*innen sind hetero und der groesste teil der welt, ohne es sicher zu wissen. auf dieser annahme, die in den meisten koepfen drinsteckt, sind dann strukturen und normen aufgebaut. dies beruht ja auf einem binaeren verstaendnis von geschlecht, also einteilung in kategorien mann und frau, die als gegenpole verstanden werden bzw. zu denen gemacht werden und sich dadurch die norm der sexuellen orientierung ergibt. da dies die norm ist, kommt dies auch mit privilegien einher, von denen personen profitieren, die dieser norm angehoeren. ihr denkt ich bin hetero. aber das bin ich nicht.“ 

„ah, ja okay…. was bist du denn?"

„nun ja, das weiss ich nicht so genau. ich liebe einfach menschen.“

„hast du dich denn schon mal in ein maedchen verliebt?“

„darum geht es nicht. es geht nicht um das geschlecht einer person. es geht darum, dass ich menschen sehe, sie sehen will, mehr als das wozu sie sozialisiert worden sind. ich sehe, ich will sehen, was dahinter steckt, was diese menschen bewegt und ausmacht. ich sehe kein, ich will kein ‚geschlecht‘ sehen. das ist mir egal.“

"das ist nichts schlimmes.“

„sag ich auch gar nicht. das ist schoen, sehr schoen sogar.“

„ja...“

„ja.“

„was willst du von uns hoeren?“

„ja, also, ich will eigentlich nicht dass dies jetzt ein coming out war/ist. weil, ja, dadurch stuetze ich ja dann die heteronormativitaet, indem ich davon ausgehe, dass ihr angenommen habt, dass ich hetero bin. seid ihr davon ausgegangen?“

„ja du hattest ja immer buben nach hause gebracht.“

„ja.“

„eben.“

„aber das ist nicht alles was ich bin. und dieses ich veraendert sich vielleicht auch konstant. ich habe nie mit euch darueber gesprochen zu wem ich mich wann und wie angezogen gefuehlt hab, geschweige denn mit wem ich speichel ausgetauscht hab.“

„also das heisst du hattest schon mit maedchen sex?“

„auch wenn ich das nicht haette, wuerde mir das nicht meine sicherheit nehmen zu wissen was ich bin. da sind wir wieder bei der heteronormativitaet. wenn eure fiktive dritte tochter noch nie was mit einem jungen hatte, dann stellt ihr ihre sexualitaet nicht in frage, ihr geht einfach davon aus dass sie hetero ist. ausserdem geht es nicht um ‚jungen‘ und ‚maedchen‘, wann kapiert ihr das endlich? die welt ist viel mehr als binaer. es gibt viel mehr als ‚maedchen‘ und ‚jungen‘, darueber haben wir doch oft gesprochen. und es ist mir egal, wie sich eine person identifiziert, wenn sie mir gefaellt, so wie sie lebt, und denkt, dann gefaellt sie mir.“

„warum erzaehlst du uns das jetzt eigentlich?“

„weil ich mich nicht mehr verstecken moechte. ich moechte, dass ihr wisst, wer ich bin und wer nicht. mittlerweile bin ich an einem punkt, wo ich weiss, dass es okay ist.“

„das ist es auch. es ist okay. fuer uns, fuer dich, fuer die welt. es ist okay, und gut, und schoen, und echt, und wichtig. wenn es das fuer dich ist, dann ist es das fuer uns auch, bei dir, bei uns, in der welt.“

„revolution 2020, seid ihr dabei?“

„warum erst 2020? holen wir die latex handschuhe, regenbogenfahne und feuerfackeln und los gehts!"